Norbert Schürmann,
Vizepräsident der DGS

In Duisburg-Rheinhausen 1962 geboren, Sohn einer Arbeiterfamilie, Studium der Humanmedizin in Düsseldorf, anschließend Facharztweiterbildung im Bereich der Anästhesie und der Allgemeinmedizin. Zusatzweiterbildung im Bereich der speziellen Schmerztherapie und der Palliativmedizin. Seit 14 Jahren Leiter der Abteilung für Schmerz- und Palliativmedizin am St. Josef Krankenhaus in Moers.

Ressort:

  • Palliativmedizin
  • SAPV
  • Kooperationen im Palliativbereich
  • Stationäre Versorgung aus Klinik-Sicht 

Kurzinterview mit Norbert Schürmann

Was sind Ihre Ziele für die neue Wahlperiode als Vizepräsident der DGS?

Norbert Schürmann: Ich glaube, dass wir schon eine Menge erreicht haben. Wir werden jetzt einen Selektivvertrag zur Cannabisverordnung zunächst mit der AOK und dann mit den anderen Krankenkassen abschließen. Der letzte Schmerztag online war mit fast 4.000 Teilnehmern großartig und – so darf ich sagen – deutschland- und europaweit konkurrenzlos. Wir haben die bestehenden Leitlinien durch unsere Praxisleitlinien sinnvoll zum Nutzen unserer Patienten und zur Sicherheit der behandelnden Ärzte erfolgreich erweitert. Ich möchte daran erinnern, dass uns vor zehn Jahren mit Regressen gedroht worden ist, weil wir nicht „preiswerte Medikamente“ verschrieben haben, sondern „besser Verträgliche“, und die Sorge vor einem Regress ständig vorhanden war. Heute können wir als DGS aufgrund unseres Praxisregisters mit harten Daten dagegen halten und unsere Argumente auch mit Fakten belegen. Das ist nicht nur eine Verbesserung der Patientenversorgung, sondern auch ein besserer Schutz der Behandler. Die Individualität und die Kunst der ärztlichen Behandlung darf hierbei aber nicht verloren gehen, auch das wird von uns berücksichtigt. So lautete die Gesamtüberschrift wie auch beim kommenden Schmerz- und Palliativtag: Individualisierung statt Standardisierung. Ich sehe noch eine Menge Aufgaben in dieser Legislatur: den Facharzt für Schmerzmedizin, die Auswirkungen des § 217 auf Patienten und Behandler, die Verbesserung der Versorgungsstrukturen stationär und ambulant sowie die Verbindung beider, den Selektivvertrag zur Verordnung von Cannabinoiden, die Aus- und Weiterbildungspflicht unserer Gesellschaft für die jungen Kollegen in der Praxis oder im Krankenhaus und für diejenigen, die sich einfach gerne in der Schmerz- und Palliativmedizin weiterbilden möchten, weil es eben auch Spaß macht, dazu zu lernen.

Was ist Ihnen im Bereich Ihrer beruflichen und ehrenamtlichen Arbeit wichtig? Was wollen Sie als (neues) DGS-Vorstandsmitglied bewegen?

Norbert Schürmann: Der nächste Schmerz- und Palliativtag, vom 22. bis 26. März 2022, hat den Schwerpunkt Individualisierung statt Standardisierung „Endlich Leben“, was mich als Palliativmediziner besonders freut. Die Vorbereitungen hierzu laufen bereits. Die COVID-19-Pandemie hat uns doch allen gezeigt, dass besonderen Schutz die benötigen, deren Stimme am wenigsten erhört wird: den alten und den kranken Menschen unter uns. Wir sprachen einerseits von Triage und von der Nichtversorgung von Menschen aufgrund des Alters, andererseits – und das war leider auch die Wirklichkeit – kamen Ältere, schwerstkranke Patienten trotz Patientenverfügung auf die Intensivstation und wurden intubiert und beatmet, obwohl sie es nicht wollten. Für die Selbstbestimmung und Autonomie der Schwerstkranken möchte ich mich einsetzen, das betrifft auch als Ultima Ratio den §217, um unabdingbares Leid vom Patienten abzuwenden. Ich halte das für eine wichtige Aufgabe, nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftspolitisch. Als Krankenhausarzt geht es mir auch um eine bessere Versorgung schmerzkranker Patienten im Krankenhaus. Wichtig scheint mir insbesondere die Verbesserung des Entlassmanagements und die Fortführung der stationären Therapie in die weitere ambulante Versorgung.

Was wollen Sie als Versorgergesellschaft konkret weiter vorantreiben?

Schürmann: Wir werden weiterhin an der Verbesserung in der Versorgung chronisch schmerzkranker Patienten arbeiten. Übergeordnetes Ziel sollte der Facharzt für Schmerzmedizin sein oder zumindest eine Gleichstellung zum Facharzt für Schmerzmedizin. Anders werden wir die zum Teil schlechte Versorgungsstruktur unserer Patienten nicht verändern können. Wir sind die Versorgergesellschaft und genau das haben wir uns auf die Fahne geschrieben! Außerdem erwarte ich mit Spannung, wie sich die Politik mal so langsam zu § 217 positionieren wird. Von der Bundesärztekammer und anderen Berufsverbänden bin ich enttäuscht, da uns Ärzten dort wenig Bewegungs- und Handlungsfreiheit bleibt, um die Autonomie unserer Patienten zu gewähren und rechtlich auf sicherem Boden zu stehen. Das macht mir große Sorgen. Was ich mir wünsche: Wertschätzung, Respekt und Toleranz für unsere Patienten und für unsere tägliche Arbeit.